Interview mit Professor Eduard A. Wiecha
Professor Eduard A. Wiecha spricht mit unserem Verlag über sein zweibändiges Werk Das Alte Europa zwischen Krieg und Frieden. Das Werk präsentiert eine Gesamtdarstellung europäischer Geschichte, von der Antike über die Renaissance und Reformation bis hin zur Französischen Revolution. Es fokussiert und porträtiert insbesondere die vielfältigen Verflechtungen, die politische und kulturelle Geschichte eingehen. Erfahren Sie mehr im Gespräch:
In der „Vorrede“ zum ersten Band betonen Sie, dass sich Ihr Werk nicht nur an Spezialist:innen richtet. Wie versuchen Sie, diesen Anspruch einzulösen und eine breitere Öffentlichkeit für Geschichte zu interessieren?
„Es handelt sich ja um die wohl erste Gesamtdarstellung zur abendländischen Kulturgeschichte auf der Grundlage der Forschung des letzten Vierteljahrhunderts, zumindest im deutschsprachigen Raum. Insofern ist es ein – aus meiner Sicht jedoch überfälliges – Wagnis. Ich hatte das Glück, ein gutes Jahrzehnt vorbereitend damit experimentieren zu können. Die beiden Bände entspringen einer Vorlesungsreihe im Studium Generale meiner Münchner Hochschule. Die Teilnehmer:innen, waren künftige Ingenieur:innen, Betriebswirt:innen oder auch Sozialarbeiter:innen – meist Geschichts- und Kultur-interessiert (sie kamen freiwillig), aber ohne besondere historische Vorkenntnisse. Es gab ausgiebige Diskussionen, wo ich meine Thesen und meine Darstellungsweise überdenken und vereinfacht erläutern musste. Ich habe immer dabei profitiert und dazugelernt. In den Büchern versuche ich, plastisch zu formulieren, erfahrungsgesättigte Beispiele zu bringen und das Dargestellte in größere, auch heutige Zusammenhänge einzuordnen. Ganz ohne Fachbegriffe und einen gewissen Fachjargon geht es nicht. Damit zurecht zu kommen, ist Teil des wissenschaftlich fundierten Verstehens und reine Übungssache. Meist hilft schon ein Fremdwörterbuch, und es kommt zu Aha-Erlebnissen.“
Hatten Ihre internationalen Projekte Einfluss auf die Konzeption der beiden Bände? Welche Rolle spielen unterschiedliche Länder-Perspektiven in Kultur und Politik?
„Das ist ein zentraler Punkt. Die Besonderheiten politischer Kulturen, ihr Entstehen und Wirken auf der institutionellen, der intellektuellen und der alltäglichen Ebene sind ja das Thema meiner Arbeit. Allerdings gibt es zwischen verschiedenen Traditionen immer auch Berührungen und Überschneidungen. Beim Austausch mit französischen Kulturwissenschaftler:innen war und ist die dortige Dominanz „nationaler“ Maßstäbe mit der bei uns üblichen, eher dezentralen Sichtweise auf einen Nenner zu bringen. Es gilt, auch den Blick des Anderen einzunehmen. Wobei in Frankreich die Regionalismus-Bewegung seit den 1970ern, an der ich selbst etwas beteiligt war, das Bewusstsein der Nord-Süd-Kulturunterschiede geschärft hat (s. etwa zur Katharer-‚Tragödie‘ in Band 2). Auf der anderen Seite rücke ich schon zu Beginn von Band 1 die lange gepflegte Sicht auf deutsch-französische Gegensätze am Beispiel der Kelten-Gallier und der Germanen zurecht.“
In ihrem Panorama treten mehrere europäische Modelle von Herrschaft und Gesellschaft zutage – Monarchie, Republik, Parlamentarismus. Was verrät der historische Vergleich über den europäischen Umgang mit Macht?
„Seit dem Mittelalter haben sich im Grunde drei europäische Herrschaftsmodelle in Konkurrenz zueinander behauptet: Das monarchische Modell des französischen Einheitsstaates, das dezentrale Modell der deutschen Fürstenstaaten (samt Städte-Republiken nach italienischem Vorbild), sowie das englische Modell der parlamentarischen Monarchie. Nach der Napoleon-Episode tauchen sie, wie ich am Ende von Band 2 zeige, in mehr oder weniger demokratischem Gewand wieder auf. Heute gibt es europaweit allerlei Abstufungen zwischen dem Einheitsstaat französischer Prägung, dem (seit 1945) föderalen deutschen Modell und der repräsentativen Monarchie englischer Machart. Im Institutionen-Ausgleich spiegelt sich ein Macht-Ausgleich, und darin liegt die Stärke Europas. Dabei spielt der überall hochgehaltene Liberalismus eine starke, verbindende Rolle. Insgesamt ist Europa politisch wie kulturell (man beachte nur die vielen Sprachen) ein befriedeter Kontinent der Vielfalt, wo mit der EU gemeinsame Interessen von Fall zu Fall ausgehandelt und nach innen wie nach außen vertreten werden.“
Eine persönliche Frage zum Schluss: Was hat Ihnen beim Schreiben der beiden Bände – rückblickend – am meisten Freude bereitet?
„Das waren natürlich die langen, vorbereitenden Recherchen einschließlich der Reisen und Aufenthalte im europäischen Ausland. Dazu gehört ein ganzes Lebens-Jahrzehnt mit Eintauchen in den Alltag und die berufliche Sphäre in Frankreich bzw. Belgien. Besonders gerne arbeite ich bis heute in wissenschaftlichen, aber auch regionalen Bibliotheken. In sehr guter Erinnerung ist mir eine Arbeitswoche in der Bodleian Library in Oxford und ein Aufenthalt im Trinity College in Dublin. Meine Lieblings-Bibliotheken in Frankreich waren und sind die Uni-Bibliothek in Nizza, die Bibliothèque Publique des Centre Beaubourg in Paris und die Bibliothèque du Patrimoine in Toulouse.“
Professor Wiechas Werk verbindet auf der Basis des heutigen Forschungsstandes politische mit kultureller Geschichte zu einem spannenden Bilderbogen. Dichte Erzählpassagen und kritisch-klare Analysen im Lichte unseres Gegenwartsbewusstseins fördern historisches Verstehen.