Der Band Joseph Nehama: Zuflucht Saloniki – Die Sepharden im osmanischen Exil von 1492 bis 1556 lässt das Werk des einst prominenten Historikers Joseph Nehama (1881–1971) wieder aufleben. Nehama schuf eine umfassende Darstellung des „jüdischen Saloniki“ von der Antike bis zum Zweiten Weltkrieg. Der vorliegende Band enthält ausgewählte Kapitel zum 16. Jahrhundert, die von Lilli Herschhorn herausgegeben und ins Deutsche übersetzt wurden. Im Interview mit dem Verlag geben die Herausgeberin und die Reihenherausgeber Einblicke in den Band:
Warum fiel Ihre Wahl auf die „Histoire des Israélites de Salonique“ und – wie im Klappentext beschrieben, die „vergessene Stimme“ Joseph Nehamas?
„Als ich mit der „Histoire“ Joseph Nehamas erstmals in Berührung kam, war ich sofort fasziniert. Es war ein Buch auf Augenhöhe mit der westeuropäischen Geschichtsforschung seiner Zeit und zugleich ein authentisches Dokument. Durch den Kontakt mit meiner Rechtegeberin, der Tochter Joseph Nehamas wurde es für mich zu einer „Herzensangelegenheit“.
Im Rahmen meiner Tätigkeit für die Jüdischen Kulturtage Berlin in den 1990er Jahren wurde ich mit einer kritischen Ausgabe einer Kapitelauswahl beauftragt. Als dieses Projekt scheiterte, bot ich es Verlagen an, die es mit dem Hinweis auf das geringe Publikumsinteresse abwiesen. Erst 2005 erschien eine erste Edition im Winkler-Verlag, Bochum, die von einigen Rezensenten als Pionierleistung positiv besprochen wurde. Kenner wie Prof. Dan Diner, der Auszüge daraus in das Jahrbuch des Dubnow-Instituts 2003 aufnahm und Prof. Sina Rauschenbach, die mir die jetzt vorliegende neue Edition vorschlug, zeigten spontan ein starkes Interesse daran.“
Wie gingen Sie methodisch vor bzw. wie wählten Sie die übersetzten Kapitel, die im Werk behandelt werden, aus?
„Ich habe mich für ausgewählte Kapitel aus dem 16. Jahrhundert aus den Bänden zwei bis vier der siebenbändigen Gesamtdarstellung Nehamas entschieden, weil sie sich gut zu einer zusammenhängenden Erzählung über die Etablierung der Sepharden Salonikis verdichten ließen. Die nostalgische Färbung dieser Kapitel über das „Goldene Zeitalter“, die lebhafte Emotionalität in der Erzählweise, aber auch die teilweise überholte Darstellung historischer Zusammenhänge stellten eine Herausforderung für die Edition dieses Bandes dar. Bei der Beschäftigung damit stieß ich auf Sekundärliteratur zum 16. Jahrhundert, die es ermöglichte, einige Fragestellungen im Licht der neueren Forschung zu beleuchten. In der neuen Edition ist auch die neueste Forschung zur Geschichte der Sepharden, und vor allem zur sephardischen und Saloniker Historiographie berücksichtigt.“
Welchen neuen Zugang bietet das Werk für heutige Leser:innen, die neu in das Thema einsteigen?
„Das Buch vermittelt einen eindringlichen Zugang zur Geschichte des sephardischen Judentums in Saloniki. Die Ausgabe macht mit Joseph Nehama eine heute nahezu vergessene, jedoch für die sephardische Geschichtsschreibung bedeutende Stimme auf Deutsch zugänglich. Die ausgewählten Kapitel konzentrieren sich auf das 16. Jahrhundert und bieten anhand der Ansiedlung der aus der Iberischen Halbinsel vertriebenen Sepharden in ihrer sozialen und wirtschaftlichen Entwicklung einen fundierten Einstieg in die Geschichte des jüdischen Salonikis.
Nehamas Darstellung wird nicht unkritisch übernommen, sondern sowohl historisch als auch historiographisch kontextualisiert. Die ausführliche Einleitung erläutert, wie im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert das Bild von Saloniki als „Jerusalem des Balkans“ entstand und welche politischen sowie kulturellen Erfahrungen Nehamas Sichtweise auf die Geschichte prägten. Dadurch vermittelt das Buch nicht nur die Geschichte der Sepharden in Saloniki, sondern auch, wie diese Geschichte erzählt, erinnert und Bestandteil jüdischer Identität wurde. Die Verbindung der zahlreichen Quellen mit sozial- und wirtschaftshistorischen Ansätzen sowie kritischer Geschichtsschreibung macht das Werk besonders für Einsteigerinnen und Einsteiger relevant.“